Dyslipidämien

Einleitung

  • Das LDL-Cholesterin (LDL-C) ist der wichtigste behandelbare kardiovaskuläre Risikofaktor.
  • Eine Senkung des LDL-C ist alters- und geschlechtsunabhängig mit einer Senkung des kardiovaskulären Risikos verbunden und die absolute Risikoreduktion ist umso grösser, je grösser die absolute LDL-C-Reduktion ist.
  • Grundlage zur Indikationsstellung für eine LDL-C senkende Therapie ist die Einschätzung des absoluten kardiovaskulären Risikos. Die aktuellen Europäischen Richtlinien sehen 4 Risikokategorien vor (sehr hoch, hoch, intermediär, tief).
  • Risikorechner, wie beispielsweise der AGLA-Score oder die ESC-Charts, liefern eine Risikoeinschätzung für die nächsten 10 Jahre anhand der bestehenden Risikofaktorenkonstellation.
  • Patienten mit Erkrankungen, die mit einem hohen Lebenszeitrisiko einhergehen, bspw. familiärer Hypercholesterinämie, Diabetes mellitus oder chronischer Niereninsuffizienz werden der Gruppe mit hohem oder sehr hohem kardiovaskulären Risiko zugeteilt.
  • Bei klinischer oder ausgeprägter, bildgebend nachweisbarer Atherosklerose erfolgt die Zuordnung zur Risikokatgorie sehr hoch.

Definitionen

  • Hypercholesterinämie: Erhöhung des LDL-C und in der Folge des Gesamtcholesterins > 95 Perzentile der betrachteten Population. Es werden hier von Labors aber praktisch ausnahmslos nicht Norm-, sondern Ziel- oder Idealwerte angegeben: LDL-C < 2.6 oder 3.0 mmol/l, Gesamtcholesterin < 5.0 mmol/l
  • Hypertriglyzeridämie: Erhöhung der Nüchtern-Triglyzeride (TG) > 2.0 mmol/l
  • Schwere Hypertriglyzeridämie: Erhöhung der Nüchtern-TG > 10 mmol/l, hierbei sind immer auch Chylomikronen (CM) nachweisbar (Chylomikronämie)
  • Kombinierte (gemischte) Hyperlipidämie: Erhöhung des LDL- und/oder Gesamtcholesterins und der Triglyzeride
  • Dyslipidämie: für den DM Typ 2 bzw. das metabolische Syndrom charakteristischer Lipidphänotyp, durch eine Hypertriglyzeridämie, normales LDL-C und tiefes HDL-C (F <1.3, M < 1.0 mmol/l) gekennzeichnet. Wird aber oft auch als Überbegriff für alle Lipidstoffwechselstörungen verwendet
  • Trigyzeridreiche Lipoproteine (TRL): VLDL, IDL und CM. TRL und deren Remnants (TRLR) sind ebenso sehr atherogen.
  • Non-HDL-Cholesterin: Gesamt-C. – HDL-C. Cholesterin in TRL/TRLR, bei Dyslipidämien/Hypertriglyzeridämien besserer Risikoprädiktor als das LDL-C.
  • Apo B: Mass für die Anzahl aller zirkulierenden atherogenen Lipoproteine (TRL, TRLR, LDL). Bei Dyslipidämien/Hypertriglyzeridämien besserer Risikoprädiktor als das LDL-C und v.a. für das Therapiemonitoring geeignet.

Screening

  • Generell ab dem 40. (Männer) bzw. 50. (Frauen) Lebensjahr
  • Bei Diagnose weiterer kardiovaskulärer Risikofaktoren unmittelbar
  • Bei Diagnose einer primären Hyperlipidämie oder frühzeitigen Atherosklerose bei erstgradig Verwandten

Abklärung

  • Exakte phänotypische und ätiologische Klassifizierung (Tab. 1–5). Insbesondere korrekte Diagnose einer Familiären Hypercholesterinämie (FH) oder Familiär kombinierten Hyperlipidämie (FCHL).

  • Anamnese
  • Detaillierte persönliche und Familienanamnese bezüglich Dyslipidämien und (frühzeitiger: Männer < 55 Jahre, Frauen < 60 Jahre) Atherosklerose
  • Medikamentenanamnese (Tab. 4) einschliesslich Unverträglichkeiten gegenüber Lipidsenkern
  • Ernährungsanamnese, ggf. durch Ernährungsberatung
    Klinische Untersuchung
  • BMI, Bauchumfang, Fettverteilung (Lipodystrophie?), Blutdruck, Xanthome (Achillessehnen, Strecksehnen der Hände), Arcus lipoides
    Labor
  • Ausser bei bekannter Hypertriglyzeridämie Nüchtern-Blutentnahme nicht obligat!
  • Lipidprofil (Cholesterin, Triglyzeride, LDL-C, HDL-C) in nasschemischem Labor
  • Apolipoprotein B (bei kombinierter Hyperlipidämie und Hypertriglyzeridämie)
  • Lipoprotein (a) bei initialem Screening
  • TSH, Glucose/HbA1c und Urinstatus (Ausschluss sekundäre Hyper-/Dyslipidämien – Tab. 5)
  • HsCRP, Kreatinin, eGFR und Albumin/Kreatinin-Quotient im Spoturin zur Risikostratifizierung
    Dutch Lipid Clinic Network-Score (DLCNS)
  • Bei LDL-C > 5 mmol/l/> 3.5 mmol/l unter Statintherapie und/oder Gesamtcholesterin > 8 mmol/l (Tab. 3)
    Molekulargenetische Abklärung
  • Nach Rücksprache Lipidsprechstunde Endokrinologie
  • FH-Panel (LDLR-, APOB-, PCSK-9-Gen) bei LDL-C > 5 mmol/l und DLCN-Score ≥ 3
  • ApoE-Genotyp bei V.a. Dysbetalipoproteinämie
    Atheroskleroseimaging
  • Koronare Kalklast (CAC, Agatston-Score) oder Karotissonografie (Plaquenachweis) zur individuellen Risikostratifizierung bei niedrigem/intermediärem Risiko optional
  • Eventuell bei FH ohne bekannte klinische Atherosklerose zur Steuerung der Therapieintensität

Hypercholesterinämie
Gesamt-/LDL-C. (mmol/l): > 5.0/3.0
Triglyceride (mmol/l): < 2.0 mmol/l
Apo B (g/l): > 1.0
Kombinierte Hyperlipidämie
Gesamt-/LDL-C. (mmol/l): > 5.0/3.0
Triglyceride (mmol/l): < 2.0 mmol/l
Apo B (g/l): > 1.0
Hypertriglyzerid­ämie
Gesamt-/LDL-C. (mmol/l): > 5.0/3.0
Triglyceride (mmol/l): < 2.0 mmol/l
Apo B (g/l): > 1.0
Moderate Hyper­triglyzeridämie
Triglyceride (mmol/l): 2.0–10.0 mmol/l
Schwere Hyper­triglyzeridämie
Triglyceride (mmol/l): > 10.0 mmol/l
Tab. 1: Phänotypische Einteilung der Hyperlipidämien

Risikostratifizierung

  • Überprüfung, ob der Patient a priori der hohen oder sehr hohen Risikokategorie angehört (Tab. 6) , falls dies nicht zutrifft:
  • Risikoabschätzung mittels eines Risikoscores (CH: AGLA-Score, www.agla.ch; ESC-Score für Länder mit niedrigem Risiko, www.heartscore.org )

  • Risikomodifikatoren: Ermittlung und Berücksichtigung von Faktoren, die das Risiko bei Personen mit niedrigem oder intermediärem Risiko erhöhen bzw. diese Personen in eine höhere Risikogruppe klassifizieren:
  • Begleiterkrankungen: chronisch-entzündliche Erkrankungen (Rheumatoide Arthritis, usw.); HIV-Infektion; Nichtalkoholische Fettlebererkrankung (NAFLD); obstruktives Schlafapnoesyndrom (OSAS); Vorhofflimmern, linksventrikuläre Hypertrophie (LVH); Depression
  • Begleitumstände: psychosozialer Stress oder Isolation; körperliche Inaktivität
  • Bildgebender Atherosklerosenachweis: erhöhtes Risiko bei CAC (Agatston-Score) > 100 und/oder Plaquenachweis Carotis oder femoral; umgekehrt reduziert eine diesbezüglich unauffällige Untersuchung (keine Plaques in der Karotissonografie, Agatston-Score < 10) das kardiovaskuläre Risiko erheblich
  • Biochemische Risikofaktoren: Lp(a) > 500 mg/l (120 nmol/l); hsCRP > 3 mg/l; Mikroalbuminurie

Risikokategorie: Sehr hoch

AGLA 2020 | EAS/ESC 2019
  • Klinisch manifeste Atherosklerose: St.n. ACS, CVI, TIA, St.n. Revaskulariation (PCI, AKB, andere arterielle), stabile AP
  • Hohes Risiko und bildgebend nachweisbare Atherosklerose: Signifikante Plaques in der Koronarangiografie oder Karotissonografie, Koronar-CT mit > 50% Stenose
  • DM Typ 2 mit Endorganschadena oder ≥3 Hauptrisikofaktorenb oder DM Typ 1 mit Dauer > 20 Jahre
  • Chronische Niereninsuffizienz mit eGFR < 30 ml/min/1.73 m2
  • Familiäre Hypercholesterinämie mit ≥ 1 Hauptrisikofaktorb
  • ESC-Score: 10-Jahres Risiko ≥ 10%*
Risikokategorie: Hoch

AGLA 2020 | EAS/ESC 2019
  • Patienten mit deutlich erhöhten einzelnen RF: LDL-C > 4.9 mmol/l, Gesamtcholesterin > 8 mmol/l, BD > 180/110 mmHg
  • Patienten mit DM Typ 2 und Diabetesdauer > 10 Jahre oder weiteren Hauptrisikofaktorenb
  • Intermediäres Risiko und bildgebend nachweisbare Atherosklerose
  • Chronische Niereninsuffizienz mit eGFR 30-59 ml/min/1.73 m2
  • Familiäre Hypercholesterinämie, (Familiär kombinierte Hyperlipidämie)
  • ESC-Score ≥ 5 und < 10%*
  • AGLA-Score 10 Jahres-Risiko > 20%**
Risikokategorie: Intermediär

AGLA 2020 | EAS/ESC 2019
  • DM Typ 2 bei < 50jährigen/DM Typ 1 bei < 35jährigen und DM-Dauer < 10 Jahre
  • Niedriges Risiko mit Risikomodifikatoren
  • ESC-Score ≥ 1 und < 5%*
  • AGLA-Score 10-20%**
Risikokategorie: Niedrig

AGLA 2020 | EAS/ESC 2019
  • ESC-Score < 1%*
  • AGLA-Score < 10%**
Tab. 6: Risikokategorien modifiziert nach AGLA 2020 (www.agla.ch) und EAS/ESC 2010 (European Society of Cardiology, www.escardio.org); a Endorganschaden: Mikroalbuminurie, Retinopathie, Neuropathie; b Hauptrisikofaktoren: Rauchen, Hypertonie, Adipositas;
* 10-Jahres-Risiko für tödliche koronare Ereignisse;
** 10-Jahres-Risiko für tödliche und nicht-tödliche kardiovaskuläre Ereignisse